18.5. Endstation
.: M. Gordon’s Schatztruhe :.
-3 Stunden zuvor –
Carmen hatte sich für den Mittag freigenommen, was ihr den Vorteil brachte, das Herzmedaillon früher zubekommen. Außerdem musste sie nicht die Anwesenheit von Officer Abigail Claridge ertragen, die obwohl sie erst ihren ersten Tag bei der NYPD hatte, sich mächtig aufspielte. Den anderen Arbeitskollegen konnte sie großen Eindruck schinden, doch Carmen glaubte nicht alles, was aus ihrem Mund kam.
Ava
unterhielt sich mit Christina, die Ladenbesitzerin und unterbrach das Gespräch,
als sie Carmen gesichtet hatte. „Hallo Ava“,
begrüßte Carmen ihre Freundin und umarmte sie liebevoll. „Wo
ist der kleine Dwight?“ „Er
schläft und Violet passt gerade auf ihn auf.“
Carmen blickte erstaunt um sich. Obwohl sie schon seit der Geburt an in Brooklyn
lebte, hatte sie seither noch keinen Fuß in den Antiquitätenladen getan, was
sich als große Schande herausstellte, weil in dem Laden so wunderschöne
Gegenstände zum Verkauf standen. Carmen liebte alte Uhren und so war es nicht
überraschend, dass in ihrer Küche eine Uhr hängte, die man aus älteren Zeiten in
England her kannte.
„Ist das Ihre Freundin, die letztendlich
entscheidet, ob Sie das Herzmedaillon kaufen?“,
fragte Carmen und lief hinter dem Tresen hervor. Ava nickte bestätigend. „Es
ist so verrückt müssen Sie wissen. Ich habe überall recherchiert und als ich die
Hoffnung fast aufgegeben habe und einen verzweifelten Blick zu den Gemälden
machte, fiel es mir wieder ein.“ Christina
verschwand kurz hinter der Wand und kam mit einem Gemälde zurück, das alle
Blicke auf sich zog. An der Reaktion der beiden Interessierten, wusste
Christina, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Auf dem Gemälde war eine
blonde junge Frau zu erkennen, die anstelle eines Kleides einen großen
pfirsichfarbigen Schleier oder Seidentuch trug. In ihrer Hand hatte sie eine
goldene Kette mit einem goldenen Herzmedaillon, das farblich hervorgehoben
wurde, weil ein Glanzeffekt um die Kette gemalt wurde. Doch es schien, als wäre
das Bild ausgehöhlt worden um das Medaillon hineinzusetzen. Und tatsächlich, das
Herzmedaillon war nicht gemalt, sondern wurde in das Gemälde integriert.
„Wow. Mir bleibt die Luft weg“,
äußerte sich Carmen und konnte ihre Augen nicht vom Bild lösen. „Ja,
das ist das Herzmedaillon was ich gesucht habe“,
fügte Ava überwältigt hinzu.
Sichtlich erfreut wanderte Christina wieder hinter dem Tresen und stellte es
darauf ab. „Der letzte Käufer war ein Künstler, der
sich beim ersten Blick in das Herzmedaillon verliebt hatte. Er wollte unbedingt
das Schmuckstück in sein aktuelles Werk integrieren und so wurde aus einer
einfachen Kette das Teil eines Kunstwerkes.“
„Wer ist denn die Frau auf dem Bild?“,
fragte Ava interessiert. Unwissend bewegte Christina ihre Schulter auf und ab. „Das
kann ich Ihnen leider nicht sagen. Ich weiß nur, dass dieses Gemälde schnell
einen Käufer gefunden hatte und dass dieser es jedoch wieder sofort an mich
verkauft haben wollte, weil er seit dem Besitz des Werkes, Unglück hatte. Als
ich das Medaillon wiedererkannt habe, musste ich an die vorherigen Besitzer der
Kette denken, die das selbe behaupteten. Also ich glaube ja nicht an
Übernatürliches, aber anscheinend verbindet jeder mit der Kette etwas
schlechtes.“
Carmen und Ava sahen sich intensiv an. „Wie viel
kostet das Gemälde samt der Kette?“
Zu ihrem erstaunen wollte Christina letztendlich Ava das Gemälde schenken. „Es
liegt schon eine Weile hier und hat seither auch keinen neuen Besitzer gefunden.
Ich habe sie letzte Woche abgehängt und wollte es in den Keller bringen, wo die
unverkauften Sachen gelagert werden. Wie gesagt, das Gemälde gehört Ihnen, wenn
sie das wollen.“
.: In Tylers Traumwelt :.
Tyler
war schon völlig erschöpft von der immer wiederkehrenden Situation, die er
ausgesetzt war. Es war eine harte Prüfung, die er bewältigten musste. Immer
wieder musste er sich den blutrünstigen Schäferhunden, der älteren Dame Miss
Fisher, dem kleinen lateinamerikanischen Jungen stellen und nachdem er sie mit
Hilfe seiner Fähigkeit, den Windstößen schlagen konnte, tauchten neue besessene
Personen auf. Jedes Mal, wenn er scheiterte und starb, wurde er wie in einem
Spiel wieder zum Anfang gebracht, was ihm in sein Schlafzimmer führte. „So
komme ich nicht weiter. Es muss einen anderen Weg geben, denn langsam werde ich
noch wahnsinnig. Die Windstöße sind nicht der Schlüssel zur Aufgabe. Ich konnte
mich damit zwar wehren, jedoch tauchen immer aus heiterem Himmel weitere
Personen auf. Tyler, denk nach, so schwer kann es doch nicht sein.“
Tyler fühlte sich ein bisschen wie Alice aus Resident Evil, wo die Klone sich
durch das Labor der Umbrella Coperation beweisen mussten. Er dachte an die Worte
von Morpheus und wollte nach dem 13. gescheiterten Versuch aus der Traumwelt zu
entkommen, seine Energie auf seine Fähigkeit konzentrieren. Er durfte sie nicht
töten, denn immer wenn sie starben, fing alles wieder von vorne an. Er musste
also ein Weg finden, wie er die Dämonen in den Menschen wieder austreiben
konnte, ohne sie tödlich zu verletzen. Festentschlossen diesmal anders
vorzugehen, riss er die Tür auf und wurde auch sofort von den Hunden empfangen.
Sie sprangen auf ihn, weshalb er geschickt den beiden auswich und aus der
Wohnung rannte. Von weitem sichtete er schon Miss Fischer, die auf ihn
zugestürmt kam, doch bevor er sich der älteren Dame widmete, drehte er sich um
und schleuderte einen Windstoß gegen den kleinen lateinamerikanischen Jungen,
der schon hinter ihm lauerte und das Messer in seinen Rücken rammen wollte. Der
Junge fiel im hohen Bogen gegen die Tür und wurde bewusstlos – er starb nicht,
sonst wäre Tyler wieder im Schlafzimmer gelandet.
Miss Fisher war zu Tyler vorgedrungen und kreischte wie eine Hyäne, die an ihn nagen wollte. Er bückte sich und schlug mit seinem Ellenbogen in die Rippen der Frau, wodurch sie schmerzvoll zu Boden fiel. Mit einem Windstoß beförderte er sie gegen die Wand. Er musste nicht lange warten bis aus dem Treppenhaus die Schülerin, Amanda auftauchte. „Komm sofort zu mir“, schrie er und hoffte, dass Amanda nicht verwirrt stehen blieb und dadurch von dem Hausmeister, der ihr heimlich gefolgt war, mit der Axt aufgeschnitten wurde. Tyler rannte hastig zu ihr und zerrte sie hinter sich. „Was wollen Sie von mir?“, fragte sie verängstigt und konnte die Situation nicht nachvollziehen. Doch als sie den Hausmeister mit der Axt sehen konnte, der sich wie ein Bär vor Tyler aufgerichtet hatte, fing sie an zu schreien. Tyler bremste seinen Schlag, indem er mit beiden Händen nach dem Stiel der Axt griff und dagegen drückte. Er konzentrierte sich auf seine Fähigkeit, was zur Folge hatte, dass unter ihm ein Wirbel entstand und den Hausmeister verwirrte. Als der Hausmeister eine Sekunde lang nicht aufpasste, entriss Tyler ihm die Axt und stieß den Hausmeister gegen die Wand.
.: Bei den Carrendoors :.
Mit einem mulmigen Gefühl kniete Carmen vor dem Gemälde mit dem Herzmedaillon und suchte im Buch nach der Stelle, wo beschrieben wurde, wie sie in die Traumwelt eines Menschen eindringen konnte. Sie blätterte Seite für Seite durch und war nach wie vor überwältigt von der Menge, wie viel sich in den letzten Jahrhunderten angesammelt hatte. Ein Rascheln drang an ihr Ohr, weshalb sie für einen Moment die Augen vom Buch ließ. „Carmen wie weit bist du?“ Sie zuckte leicht zusammen und drehte sich um. Violet und Hypnos waren einem Poltergeist gefolgt, der eine Nachbarin des Hauses seit geraumer Zeit geplagt hatte und kamen nach der erfolgreichen Aufgabe, den Poltergeist wieder in die Verdammnis verbannt zu haben, zurück in die Wohnung. „Wenn die vier Schwestern erwachen, kommt Hypnos wieder an seinen Flügeln dran und könnte uns vielleicht bei unseren Dämonenkämpfen besser unter die Arme greifen“, merkte Violet an. Carmen verzog skeptisch ihre Augenbraue. „Welche Flügeln?“
Hypnos setzte sich auf den freien Platz des Sofas und erklärte ihr, was Violet
mit den Flügeln meinte: „Als Thanatos in die Hölle
verbannt wurde, kamen die Dämonen auf mich zu und fragten, ob ich den Platz von
meinem Bruder einnehmen möchte und die verstorbenen Seelen in die Hölle
begleiten wollte. Anfangs war ich strikt dagegen, doch ich wollte Thanatos
Aufgabe keinem anderen überlassen. Auch Apollon, der zu derzeit noch ein guter
Freund von mir war, wollte nicht, dass ich den Dämonen einwilligte. Doch als ich
zusagte, sollte ich meine Fähigkeiten abgeben um die Sense in ihrer vollen Macht
einsetzen zu können. Ich gab also mein Schlummerhorn und Mohnzweig ab, außerdem
wurde mir die Flügeln an der Stirn, die unter der Haut eingebrannt wurden,
entfernt. Mit einem Zauber ließ Hekate alles verschwinden und somit weiß nur
sie, wie ich wieder an meine Fähigkeiten komme. Da die Dämonen mir nun die Sense
wieder entnommen haben, bin ich machtlos.“
Carmen verstand sein Anliegen und kannte nun den wahren Grund seiner
Anwesenheit. „Na gut, wir verfolgen also das selbe
Ziel. Willst du dann mit in die Traumwelt?“
„Als Unterstützung wäre es sinnvoll mitzukommen,
doch ich kann nicht.“
„Wieso?“, wollte
Violet wissen.
„Mein Sohn, Phobeter würde nach einer Weile meine
Anwesenheit spüren und somit könnte ich euch in Gefahr bringen. Phobeter wird
nicht skeptisch, wenn Personen auftauchen, die er noch nie in seinem Leben
getroffen hat. Somit denkt er, dass seine Traumwelt diese Menschen erschaffen
hat und sieht die auch nicht als Bedrohung an. Wenn ihr also in die Traumwelt
gelangt, verhaltet euch unauffällig, sofern ihr nicht gerade in eine Welt kommt,
wo die Dämonen ihr böses Spiel treiben. Ihr müsst euch aber im Klaren sein, dass
ihr den Unterschied zwischen der realen und der Traumwelt anfangs nicht
unterscheiden könnt. Achtet auf Unstimmigkeiten die noch so unscheinbar wirken
mögen. Mit dem Buch könnt ihr sicherlich die gefangenen Göttinnen aufspüren und
so rettet sie bald, denn je länger ihr in der Traumwelt verweilt, desto stärker
wird Phobeter, weil er eure Lebensenergie absorbiert.“
Da Carmen nebenbei im Buch weitergeblättert hatte, fand sie die Stelle wo
Phobeter beschrieben wurde. Sie las den anwesenden vor, was darin stand und wie
sie in seine Traumwelt gelangen konnten. Die Gefangenen konnten nur überleben,
wenn sie innerhalb sieben Wochen aus der Traumwelt gerettet wurden, ansonsten
blieben sie für immer dort gefangen. Zum Glück befanden sie sich mitten in der
siebten Woche, was bedeutete, dass sie nicht zu spät kamen. „Dann
will ich mal das Herzmedaillon aus dem Gemälde entnehmen.“
Carmen zögerte, weil sie Angst davor hatte, was passieren würde, wenn sie das
Medaillon berührte. Sie hielt den Atem an und nahm ihren ganzen Mut zusammen.
Vorsichtig berührte sie das Schmuckstück und als sie jedoch merkte, dass nichts
geschah, zog sie die Kette rasch aus dem Bild. Nachdem sie die Kette um ihren
Hals geschlungen hatte, half ihr Hypnos beim Verschluss. „Ich
dachte wirklich, dass ich nun irgendetwas Übernatürliches spüren würde, aber bis
jetzt hat sich nichts getan“, teilte Carmen den
anderen mit und hielt das Medaillon mit der Hand vor der Brust fest. Sie wirkte
etwas enttäuscht, zuckte mit den Schultern und teilte Violet und Hypnos mit, was
sie für das Eindringen in die Traumwelt benötigten: „Wir
brauchen jeweils eine Haarsträhne von den vier Schwestern die um einen
Mistelzweig gewickelt werden, einen Gegenstand aus dem Gebäude oder der Gegend
wo sie in den tiefen Schlaf fielen, Mohnkörner, die wir dann über die den
Gegenstand streuen können, vier Teelichter und etwas Weihwasser von einer
Kirche. Sobald wir das vollständig beisammen haben, muss der dafür vorgesehene
Zauber laut ausgesprochen werden. Zuerst auf lateinisch und danach in der
Landessprache.“
Hypnos, Violet und Carmen wollten sich zugleich auf den Weg machen, um die
nötigen Dinge zu besorgen. Ihnen kam es sehr entgegen, als Dwight von seiner
Arbeit zurückkam und direkt helfen wollte. Dwight und Carmen erklärten sich dazu
bereit, in das Psychiatriezentrum zu gehen, während Violet und Hypnos zum
Brooklyner Campus gehen wollten. „Dann treffen wir
uns wieder hier?“, vergewisserte sich Carmen. Ein
Ja kamen aus den Mündern der übrigen drei. „Let the
show begin“, leitete Dwight die Suche ein und
beamte sich mit Carmen aus der Wohnung.
.: In Tylers Traumwelt :.
„Mister Carrendoor!“,
brüllte Amanda entsetzt und wurde von Miss Brown, die gegenüber von Tyler
wohnte, weggezerrt. Sie zog gewaltsam an ihren Haaren und schleifte sie durch
den Gang. Schnell wandte er sich von dem Hausmeister ab und schmetterte einen
Windstoß in die Richtung der beiden Damen und versuchte dabei, nur die besessene
Nachbarin zu treffen – Erwischt! Im hohen Bogen knallte sie gegen die Aufzugstür
und sackte zu Boden. Der Anwalt, konnte zwar die besessenen Personen außer
Gefecht setzen, nur waren sie nach wie vor eine Bedrohung für ihn. Er half der
Schülerin beim Aufstehen und riet ihr, dicht hinter seinem Rücken zu bleiben.
Mit bedachten Blicken, klapperte Tyler jede Ecke ab, wo mögliche Gefahren lauern
könnten. Als die Bedrohung außer Gefahr zu scheinen mochte, wachte Miss Fischer
aus ihrer Bewusstlosigkeit wieder auf. Gerade als Tyler sich erneut gegen sie
richten wollte, tauchte Morpheus auf und brachte ihn zurück in die Wohnung.
Missverständlich ließ sich der Traumgott auf das Bett fallen und schüttelte mit
dem Kopf, während er Tyler ohne ein Wort zu verlieren beäugte. Geknickt lehnte
sich Tyler gegen den Kleiderschrank: „Durchgefallen,
oder?“ Morpheus hielt für einen Moment inne und
holte tief Luft. „Du bist ja noch schlechter als
die Götter dich beschrieben haben. Ich dachte wirklich, dass du deine Fähigkeit
auch ohne fremde Hilfe entdeckst, aber da lag ich wohl falsch.“
Erst war in Tylers Gesicht eine gewisse Empörung zu erkennen, dann wurde sein
Ausdruck schuldbewusst und gekränkt. „Und wie soll
es nun weitergehen?“
Morpheus erhob sich wieder und lief zu Tyler. „Wenn
du jetzt rausgehst möchte ich, dass du an die Dämonenaustreibung denkst, ehe du
deine Fähigkeit einsetzt. Konzentriere dich nur auf die Befreiung der Personen,
hast du verstanden?“ Tyler blickte kurz an die
Decke und kratzte sich grübelnd am Hinterkopf. „Ja,
dass müsste ich hinbekommen.“
.: Bei den Carrendoors :.
Carmen, Dwight, Violet und Hypnos hatten alles für den Zauber fertiggestellt,
sodass Carmen nur noch den Zauber aussprechen musste um in die Traumwelt
zugelangen. Zudem hatten sie ein Elixier zusammengemischt, um wieder aus der
Traumwelt zurückzukommen. Sie verdunkelten das Wohnzimmer und zündeten die
Kerzen an – Es konnte also losgehen.
Inzwischen war auch Ava dazu gestoßen, die fasziniert die Zeremonie ohne ein
Wort zu verlieren beobachtete. Carmen las aus dem Buch den lateinischen Absatz
und danach den gleichen nur in ihrer eigenen Sprache laut vor. Unverhofft fing
Avas Handy an zuklingeln und störte somit das Vorhaben. Ava versuchte Hope,
abzuwimmeln und drückte sie immer weg, doch sie war hartnäckig, weshalb sie sich
dazu erbarmte und abnahm. Um Carmen und die anderen nicht zu stören huschte sie
in den Flur und fragte Hope was sie wollte, hatte aber immer ein Auge in das
Wohnzimmer gerichtet. „Ja, die eine Armbanduhr aus
dem Antiquitätenladen kannst du als Geburtstagsgeschenk für Ian kaufen. Ich
finde sie auch wunderschön, aber Hope, könnte ich dich gleich zurückrufen, weil
Dwight…“ Plötzlich gab es einen lauten Knall.
Rauchwolken stiegen vom Boden herab an die Decke und verbreitete sich in
Windeseile im ganzen Zimmer. „Ava, was ist gerade
bei euch los? War das grad ein Knall? Was ist los?“
Noch bevor Ava die Frage beantworten konnte, hörte sie wie Carmen anfing zu
schreien und als sie durch den Rauch in das Wohnzimmer sehen konnte, sah sie,
wie Carmen anfing hell aufzuleuchten. Alles geschah so schlagartig und ehe sie
versah, überwältigte sie das Licht und der stickige Qualm…
.: In der Traumwelt :.
Ava, Hope, Carmen und Violet verabschiedeten sich von Sophie, die sie zu einem
DVD-Abend eingeladen hatte. Sie hatten sich zusammen Sweethome Alabama
angeschaut und waren, obwohl jeder von ihnen den Film schon mehrmals gesehen
hatte, nach wie vor noch angetan von der Liebesgeschichte. Sie unterhielten sich
noch bei der Verabschiedung über das kitschige Ende und tauschten hier und da
herzliche Umarmungen aus. Danach begaben sich die vier jungen Frauen auch schon
in den Aufzug. Während sie warteten, bis der Aufzug im Erdgeschoss stehen blieb,
zuckte das rechte Auge von Violet ununterbrochen. Sie hatte schon seit einigen
Minuten ein unwohles Gefühl, doch sie wusste nicht wieso. Waren die vielen
Schokoladenstückchen der Grund, weshalb sie das mulmige Gefühl hatte?
„Ist was?“, fragte Ava
und blieb mit ihrer zukünftigen Tochter kurz stehen, während Hope und Carmen aus
dem Aufzug stiegen, da dieser im Erdgeschoss angekommen war und aufging. „Nein
es ist nichts glaube ich. Fahren wir nach Hause.“
Ava zögerte kurz, stimmte aber danach zu und stieg zusammen mit den anderen
Mädels in den Wagen von Carmen ein. Sie fuhren die Straße entlang und merkten,
wie ruhig es doch war – der Abend verging wie im Flug. Nur wenige Autos fuhren –
im Verhältnis als gewohnt - ihnen entgegen und auch sonst waren kaum Passanten
auf den Gehwegen zu sehen. „Ach, so ein Mist“,
schimpfte Carmen vor sich hin und drehte die Musik etwas leiser, „Ich
muss tanken, weil ich fast kein Benzin mehr habe.“
„Schau mal, dort vorne ist eine Tankstelle.“
Hope zeigte auf die leer stehende Tankstelle. Die Lichter waren an der
Tankstelle an, was bedeutete, dass sie auch geöffnet hatte. Carmen bog rechts ab
und fuhr an eine der sechs freien Zapfsäulen. Diese Gelegenheit nutzte Ava um
die Toilette aufzusuchen. Violet dagegen wollte mit Dwight telefonieren um nach
dem Rechten zu schauen, weil er für den Abend den Babysitter mimte. Summend
bewegte Hope ihren Kopf von links nach rechts im Takt zu One Republics – Stop
and Stare. Sie schaute zu Carmen die ihr signalisierte, dass sie bezahlen
gehen wollte. „Ist ok“,
rief Hope ihr zu nachdem sie die Fensterscheibe heruntergekurbelt hatte. Sie
drehte die Musik lauter und fing infolgedessen lauthals mitzusingen. Dieses Lied
gefiel ihr unheimlich, auch wenn es schon etwas älter war. Die Gitarrenriffs und
das Schlagzeug fand sie am besten - Musik zum Träumen eben. Nachdem das Lied
langsam dem Ende zu neigte, wunderte Hope sich, wieso Ava und Violet noch nicht
zurückgekommen waren. Auch Carmen schien länger als vermutet zu brauchen. Hope
drehte die Musik wieder leiser und stieg aus dem Auto aus.
„Ava?“ Sie lief zur
Toilette und hörte, wie Ava gegen die Tür hämmerte und panisch nach Hilfe
schrie. „Ein Moment.“
Hope zog an der Türklinke und bekam sie ohne Probleme auf. „Gott
sei Dank. Die Tür ging auf einmal nicht mehr auf.“
Ava sah richtig verängstigt aus und als die beiden einen lauten Schrei von
Violet hörten, zuckten sie zusammen. Sie sahen sich erschrocken an und eilten
ums Eck um nach ihr zu schauen, doch sie war nicht mehr da. Nur das Handy lag
einsam auf den Boden. Kurz darauf kam Carmen zu ihnen gelaufen und sagte, dass
sie Schreie gehört hatte. Als Hope und Ava ihr erzählten, dass Violet spurlos
verschwunden war, wurde auch sie unruhig. Unerwartet ging das Licht für eine
kurze Zeit aus. Sie rückten eng aneinander und verhakten sich gegenseitig. „Was
geht hier vor sich?“, fragte Hope schlotternd, in
der Hoffnung, dass der Strom schleunigst wieder anging.
„Bitte, bitte, bitte“,
faselte sie vor sich hin und kniff ihre Augen fest zusammen – Ein Glück. Die
Lichter gingen wieder an, doch der Tankwart, war nicht mehr hinter dem Tresen.
Ava griff nach dem Handy von Violet und drückte auf Wahlwiederholung - Doch die
Leitung war tot. „Mist.“
Ava stampfte einmal verärgert gegen den Boden.
Plötzlich hörten sie einen dumpfen Aufprall gegen eine Scheibe, die in unmittelbarer Nähe war. „Was war das?“, fragte Hope zähneklappernd. Sie drehten sich in die Richtung, woher das Geräusch kam, und sahen, wie der leblose Körper des Tankwarts unerklärlicherweise vor ihrem Auto lag. Ava wollte zu ihm laufen, doch sie wurde von Carmen festgehalten. „Gehe nicht zu ihm. Du weißt nicht wer sich hinter dem Auto versteckt... Wieso habe ich bloß meine Dienstwaffe im Handschuhfach gelassen?“ War es denn nicht richtig zu helfen oder würde sie sich selbst in Gefahr bringen, dachte Ava und war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob sie tatsächlich zu dem bewusstlosen Tankwart gehen sollte.
.: In Tylers Traumwelt :.
Völlig erschöpft lehnte sich Tyler gegen die Wand und sah die bewusstlosen Personen um ihn herum an. Hatte er tatsächlich nach dem 21. Versuch es geschafft, die besessenen Menschen von den Dämonen zu befreien? Bei manchen konnten er sich sicher sein, weil aus ihren Münder schwarze Rauchwolken herausschossen. Aber was ist mit den Personen, bei denen es nicht klar ersichtlich war, dass etwas aus ihren Körper die Flucht ergriff? Er wusste es nicht, denn erst wenn sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachten, würde er es definitiv wissen. Die kurze Ruhe, die ihm gegönnt wurde, war verflogen als Morpheus vor seinen Augen auftauchte. „Thanatos ist erwacht und nun muss ich dich wieder aus der Traumwelt reißen. Du beherrschst nun deine Fähigkeit, oder?“ Tyler konnte nicht einmal antworten, als er auf einmal mitten im Raum stand, wo Jonathan wütend auf den Stuhl gefesselt wurde und hin und her zerrte.
.: In der Traumwelt :.
Eine dunkle Gestalt zeigte sich langsam hinter dem Auto, woraufhin Hope, Ava und
Rachel Panik bekamen und in den Laden rannten. „Schnell
wir müssen etwas vor die Tür stellen.“ Hastig
blickte Hope umher. „Da das Regal.“
Zusammen schoben die Freundinnen das Regal vor die Tür und entfernten sich
davon. „Das soll wohl ein schlechter Scherz sein,
oder?“ Ein Mann, der um die vierzig sein müsste,
rüttelte vergebens an der Tür und versuchte danach die Scheiben einzuschlagen.
Doch anscheinend hatte er zu wenig Kraft, so dass er wieder wegging. „Ich
habe Angst“, gab Hope zu und war da nicht die
einzige. Auch Carmen und Ava hatten fürchterliche Angst. Plötzlich ging erneut
der Strom aus, doch diesmal blieb er auch außer Betrieb. „Ava
ich will von hier weg!“ Hope hatte schon Tränen in
den Augen und wurde von Ava so gut wie es ging beruhigt, auch wenn sie selbst
panische Angst verspürte. „Es muss doch einen Weg
aus diesem verflixten Laden geben.“ Sie gingen
durch den schmalen Durchgang der zu einem kleinen Aufenthaltszimmer mit einer
Küchenzeile führte. Carmen zögerte nicht lange und suchte in den Schubläden nach
Messern, die sie zur Not gegen den Mann verwenden könnte. Hope dagegen setzte
sich auf den Stuhl neben den Fenster und hielt sich die Hand vor dem Gesicht. „Findet
ihr das nicht alle sehr seltsam?“, fragte Ava,
nachdem sie im Aufenthaltszimmer eine Kerze gefunden hatte und dabei war, diese
mit dem Feuerzeug, was auf dem kleinen Tisch lag, anzuzünden. „Ich
könnte wetten dass…“
Unerwartet packte jemand Carmens Arm und versuchte sie aus dem Zimmer zu zerren. Sie wehrte sich dagegen, schüttelte sich am ganzen Körper und gab dem unbekannten einen harten Tritt gegen seine Kniescheiben. Danach drehte sie sich um und rammte ihm das Messer in den Oberschenkel. Voller Schmerz brüllte der Mann los und versuchte das Küchenmesser aus seiner Wunde zu ziehen. Diese Gelegenheit nutzten die drei Freundinnen und eilten aus dem Aufenthaltszimmer. Am Ende des Ganges, stand die Hintertür weit aufgeschlagen und so rannten sie so schnell wie es ging hinaus. Draußen angekommen, stürmten zwei weitere Männer auf sie zu. Beide hatten genauso wie der Verletzte, schwarze Ledersachen an und schienen von einer Motorrad Gang zu sein. Ava zog ihre Freundinnen nach links zur anderen Straßenseite, wo ein offenes Tor zu einer kleinen Parkanlage führte. Als sie jedoch durch das große Stahltür mit rustikalen Gittern liefen, mussten sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie auf einen Friedhof gelandet waren…
.: Brooklyner Campus :.
Tylers Cousine, Rachel und ihr Freund Riley bekamen eine übernatürliche
Nachricht, kurz nachdem Hypnos und Violet bei ihnen waren und ein altes Campus
T-Shirt mitgenommen hatten. Zwei Sonnenstrahlen schossen zielgerade auf die
Stirn der beiden und übermittelte die Nachricht, die für sie bestimmt waren. In
dieser Sekunde, indem sie wie gelähmt da standen und sich keinen Zentimeter
rühren konnten, wurde ihnen eine Frage gestellt, die ihre nächsten Wochen
verändern würden. Es war Themis, die Kontakt mit den beiden aufnahm und ihr
Anliegen unterbreitete. Bis Mitternacht hatten sie Zeit sich zu entscheiden.
Nachdem die Sonnenstrahlen sich wieder aus dem Zimmer zurückzogen, zurück hinter
die dichten Wolken, schauten sie sich verdattert an und konnten im ersten Moment
kein Wort von sich geben. Erst als Riley, sich schüttelte, sprudelte es nur so
aus Rachel heraus: „Oh mein Gott, was war das grad
für eine abgespacte Darbietung? Was denkst du was wir tun sollen? Sollen wir
zustimmen oder ablehnen?“
Grübelnd klappte er sein Buch zusammen, in der er gerade gelesen hatte und
setzte sich neben Carmen auf das Bett. „Ich
verdanke Tyler und den anderen mein Leben und ich denke, es geht nicht nur mir
so. Du wurdest auch schon oft gerettet und Themis versicherte ja, dass es nicht
für immer so sein wird. Wenn wir zustimmen würden, könnten wir unsere
Dankbarkeit zeigen und dabei ihnen helfen oder denkst du da anders?“
„Ich habe nur Angst“,
gab Rachel zu, „Was ist, wenn es nicht so ist,
können wir uns dann noch verwirklichen, aber andererseits wird es bei der
totalen Zerstörung sowieso nicht möglich sein, sich zuverwirklichen. Also ich
denke…“
Mitfühlend legte Riley seinen Arm um ihre Schulter und drückte sie an sich. „Solange
wir beide zusammen sind und ich auf dich aufpassen kann, bin ich glücklich und
zufrieden. Du musst dich ja nicht sofort entscheiden, wir haben ja noch bis
Mitternacht Zeit.“
„Du hast recht. Solange ich bei dir bin, ist es mir
egal was passiert. Also, ich habe mich entschieden.“...
.: In der Traumwelt :.
„Halt“,
schrie Carmen erschrocken. „Jetzt wird mir so
einiges klar.“ Hope und Ava blieben verdattert
stehen und warteten darauf, was ihre Freundin zu sagen hatte. „Sucht
auf den Friedhof nach einem Kerker, denn dort werden nämlich die vier Schwestern
gefangen gehalten.“ Während Hope immer noch nicht
dahinter kam, was Carmen von ihnen wollte, dämmerte es auch langsam bei Ava. Sie
erinnerte sich an einen lauten Knall, dem Telefonat mit Hope und dem
fürchterlichen Rauch. „Das Ritual! Ach herrje, das
war gar nicht geplant, dass wir alle hier landen.“
„Würde mich bitte jemand aufklären?“,
bat Hope und schaute dabei Ava eindringlich an. „Ich
muss das Buch von Efgenia aus meiner Tasche holen. Ava, du kannst dich ja noch
an Tylers Vision erinnern. Suche nach irgendwelche waffentauglichen Gegenstände
und finde heraus, wo die vier Schwestern gefangen gehalten werden. Ich werde
dann nachkommen.“ Unbeirrt griff Ava nach der Hand
der hilfsbedürftigen Freundin, die außer Bahnhof nichts verstand und drang mit
ihr tiefer in den Friedhof ein.
Carmen wartete noch eine Weile, bis sie sich sicher sein konnte, dass Hope und
Ava nicht verfolgt wurden und machte sich danach auf den Weg zurück zur
Tankstelle. Auf halber Strecke wurde sie von Hypnos erschreckt, der sie fast
umgerannt hätte, weil er so stürmisch war. In der Hand trug er das Buch, welches
sie eigentlich aus ihrem Auto holen wollte. „Es ist
zwar die Traumwelt von Phobeter, aber ich spüre noch eine Person, die ich nicht
klar identifizieren kann. Ich weiß nur, dass sie Violet geschnappt hat."
„Wir müssen zu Ava und den anderen, ohne unsere
Unterstützung schaffen sie das nicht.“
„Warte, nicht so schnell“,
hielt Hypnos Carmen auf. „In der Vision tötete
Phobeter Hekate, da er auf euch aufmerksam wurde. Wir müssen also anders
vorgehen. Wenn du dafür sorgst, dass die Göttinnen ihre Erinnerungen bekommen,
können sie deine zwei Freundinnen bei der Flucht helfen. Du machst jetzt
folgendes. Suche deine Freundinnen auf, im Buch müsste ein Erinnerungszauber
stehen, den du bei den Göttinnen anwendest. Sobald sie die Erinnerungen wieder
gewonnen haben, sucht ihr so schnell wie es geht das weite und gelangt wieder in
die Realität. Ich werde währenddessen dafür sorgen, dass Phobeter abgelenkt wird
und sich vom Kerker fernhält. Somit gewinnt ihr etwas Zeit, aber trödelt nicht.
Ich weiß nicht wie lange er auf das Ablenkungsmanöver reinfällt.“
Mit einem beklommenen Gefühl nickte sie ihm zu und lief mit ihm in den Friedhof. Vom weiten sah sie schon Hope, die ohne es zu wissen von einen der Männer von der Tankstelle verfolgt wurde und er in seiner Hand eine Metallzange trug. Er holte aus und brüllte dabei laut um Hopes Aufmerksamkeit zu gewinnen. Mutig nahm Ava eine Handvoll Kieselsteine vom Boden und warf sie direkt in das Gesicht des Mannes. Seine Augen wurden getroffenen und brannte daher fürchterlich. Er musste die Metallzange loslassen, um sein Gesicht von den Kieselsteinen zu säubern und rieb sich dabei die Augen vor Schmerzen. Hope stand immer noch unter Schock und konnte sich keinen Zentimeter rühren. Es war wieder ihre Freundin, die ihr aus der Situation half und nach der Metallzange griff und mit voller Wucht gegen seinen Nacken schlug, so dass er gleich Ohnmächtig wurde. Mittlerweile war auch Carmen zu ihnen vorgedrungen und riet ihnen zu verschwinden. „Ava woher hast du gelernt, dich so verteidigen zu können?“ „Angst? Panik? Reflex? Erklär du es mir, denn ich kann’s mir selbst nicht erklären.“ Ava kicherte verlegen und folgte den beiden Freundinnen, die sich auf die Suche nach dem Kerker machten.