18 | Dreamcatcher

18.1. Efgenia

Schweißgebadet rannte er an den unzähligen Grabsteinen entlang und wechselte dabei immer die Richtungen – Hektisch, ängstlich, panisch. Abwechselnd flitzte er von rechts nach links, dann von links nach rechts und ab und zu ein Hechtsprung über ein Grabstein, in der Hoffnung, seinen Verfolger etwas verwirren zu können. In kurzen Abständen blickte er zurück, um zu kontrollieren, ob er ihn abhängen konnte, doch nach wie vor war er ihm dicht auf den Fersen. Hypnos, der Seelenbegleiter für Dämonen oder Menschen - die durch die Dämonen getötet wurden - wurde wie ein Raubtier gejagt. Sein Alltag bestand daraus, Seelen einzusammeln, doch heute gehörte er zu diejenigen, die eingesammelt werden sollte. Er legte einen Zahn zu und sah wie der Abstand zu seinem Verfolger immer größer wurde, bis er letztendlich in der Dunkelheit verschwand, weil kaum Sterne am Himmel schienen, die den Himmel mit Licht bereicherten und die vielen Wolken, den Mond fast vollkommen verdeckten.

Sein Puls war seiner Meinung nach an einem Level angelangt, die er nicht überschreiten konnte, ohne nachträgliche Schäden zu hinterlassen. Und so war er heilfroh, dass er für einen momentlang hinter einem größeren Grabstein - Hier ruht Michael Summerfield – Kraft tanken konnte, ehe er wieder aufspringen musste und so schnell wie es ging, aus dem Friedhof zu entkommen. „Zum Teufel mit dem Ganzen hier“, fluchte er leise und rieb sich sein Knie, weil er vorhin über einen Ast - den er in seiner Hektik übersehen hatte - gestolpert war. Plötzlich hörte er hinter ihm einen lauten Knall und unmittelbar danach, zerbröckelte der Grabstein zu kleinen Teilen und landete größtenteils auf seiner Schulter und auf der Erde. Er hustete, weil er den Staub, der durch die Zerstörung des Grabsteins verursacht und durch den Wind unkontrolliert durch die Luft geweht wurde, eingeatmet und verschluckt hatte. Er krabbelte auf allen Vieren hinter dem Grabstein hervor – oder was noch von dem übrig geblieben war - und erkannte seinen arroganten Verfolger, der ihn mit einem fiesen Grinsen ansah: „Endstation!

- 24 Stunden zuvor –
.: NYPD Präsidium :.

Trevor blickte schwermütig auf seinen Arbeitsplatz oder sollte er doch die Worte schon in den Mund nehmen: seinen ehemaligen, noch bis vor kurzem, Schreibtisch. Durch die Missachtung und nicht Einhaltung des vorgegebenen Verhaltens in einem Fall musste Trevor die Konsequenzen tragen. Obwohl Carmen für den Vorfall gradestehen wollte, ließ sich Trevor nicht davon abbringen. Er war indirekt ihr Vorgesetzter und deshalb hätte ihm die Regeln bekannt sein müssen. Dass es um einen übernatürlichen Fall handelte und die beiden die Kollegen beschützen wollten, wusste niemand. Er wurde von seinem Dienst quittiert und das auf unbestimmte Zeit. Gestern hatte er seine Dienstmarke abgeben müssen und es schmerzte sehr nach so langen Jahren. Ihm wurde etwas genommen, das ihm wichtig war, aber dennoch wollte er Carmen nicht die Schuld dafür geben.

Bedrückt nahm er den ersten Bilderrahmen in die Hand, worauf seine Kollegen bei seiner Geburtstagsfeier in einem Pub abgelichtet wurden: Jeff, Ethan, Carmen und Terrence, der Staatsanwalt und bester Freund. Er steckte das Bild in den Karton mit seinen vielen Sachen, die sich über Jahre angesammelt hatten. Das zweite Bild, welches auf seinem Schreibtisch stand, war das Bild mit seiner Frau und seiner 11-jährigen Tochter. Sie waren dort in einem Zoo und standen vor einem Elefanten, der gerade den Rüssel weit in die Luft gestreckt hatte. Er erinnerte sich an den Tag zurück und konnte für eine kurze Zeit an etwas anderes denken. ‚Wenigstens habe ich nun mehr Zeit für meine Familie‘, redete er sich ein und versuchte positiv zu denken. Dennoch plagte ihn der Gedanke, wie seine Frau, die im Kindergarten als Erzieherin arbeitete, auf seine Suspendierung reagieren würde. Würde sie ihn Trösten oder Vorwürfe machen?

Carmen lief mit einem sehr schlechten Gewissen in Trevors Büro und sprach ganz kleinlaut zu ihm. Sie hatte Gewissensbisse und jeder Versuch Trevor davon abzuhalten wurde von ihm abgeschlagen. „Du wirst mir fehlen“, fing sie leise an. „Wer geht mit mir denn nun auf Streife? Mensch Trevor, das hättest du nicht machen dürfen. Das war ein ganz großer Fehler von dir. Soll ich nicht zum Chief gehen und…“ „Nein! Carmen die Diskussion hatten wir bereits. Nein. Du bleibst hier und ich gehe. Einer muss hier ja den Laden schmeißen und das bist nun mal du. Es ist meine Entscheidung die ich getroffen habe. Und wer weiß, vielleicht finde ich ja einen besseren Job. Ich könnte ja Security… oder…“ Trevor unterbrach seinen Satz, weil an seinem Ohr das Klacken von Frauenschuhen zu hören waren und in seinem Zimmer deutlicher wurde. Als er sich zu Tür drehte, staunte er nicht schlecht, als er die Person vor ihm erkannte. „Officer Johns, Officer Brand, ich bin Officer Abigail Claridge und die Nachfolgerin von Ihnen, Officer Brand.“ Sie reichte beiden die Hände und blickte auf den leergeräumten Schreibtisch. „Für Ihre Umstände tut es mir leid. Ich wäre auch lieber nur ins Team dazugestoßen, ohne jemanden ersetzen zu müssen.“ Carmen und Trevor sahen sich daraufhin schweigend an. Doch ihr Blick verriet schon einiges. Der kalte Unterton und die strenge Miene widersprach dem, was Officer Claridge von sich gab. Sie klang eher erfreut, dass sie den Platz bekommen hatte und ihre prüfende Blicke im Büro, zeigten, dass sie es kaum erwarten konnte, ihren Arbeitsplatz einzurichten.
Na dann, wünsche ich Ihnen viel Erfolg für Ihren neuen Arbeitsplatz.“ Trevor nickte freundlich und drehte sich zu Carmen. „Deine Schicht ist doch nun zu Ende. Willst du mir beim Tragen helfen?“ „Kann ich machen… Kommen Sie hier zurecht?“, fragte Carmen die neue Arbeitskollegin, die daraufhin schnell nickte und kurz aus dem Büro verschwand. „Was hast du bloß getan?“, flüsterte Carmen und nahm Bezug auf Officer Claridge, die auf sie keinen sympathischen Eindruck machte. „Vielleicht irren wir uns und sie überrascht alle - Im positivem Sinne.

So. Hier habe ich mal für meinen Einzug alles mitgenommen“, verlautete die Neue und hatte eine Kiste in der Hand und hinter ihr war Jeff mit einer weiteren Kiste. „Sie sind wohl diejenige, die sich schnell einleben möchte.“ Trevor ließ bei dem Anblick leicht den Kopf hängen, weil ihm nun klar wurde, dass er endgültig gehen musste. „Ja, ich bin der Meinung, dass man sich schnell einleben muss um effizient und gezielt arbeiten zu können. Officer (Jeff) Macintosh, Sie können die Kiste auf den Schreibtisch stellen.. Ohhh…“ Abigail übersah den Bilderrahmen und stellte die Kiste so hin, dass der Bilderrahmen vom Schreibtisch fiel und zu Bruch ging. „Ach herrje. Das tut mir leid.“ schnell hob die neue Mitarbeiterin das Bild auf und warf einen kurzen Blick darauf. „Ich werde Ihnen den Bilderrahmen ersetzen.“ „Nein. Das passt schon. Es war ja nur ein Bilderrahmen.“ Nun ließ Trevor noch mehr den Kopf hängen. „Carmen, können wir jetzt gehen?“ Gott sei Dank. Endlich weg aus diesem Zimmer. Für Carmen war es eine Qual dort zu stehen, weil sie nun realisierte, dass ab den heutigen Tag wieder eine Veränderung für sie ansteht.

.: Unterwegs :.

Bitte nicht!“, flehte die blonde Cheerleaderin, die über das Treppengeländer auf das Hochhausdach gelangte und am Ende des Hochhauses merkte, dass der einzige Weg der freie Fall nach unten war. Mit verängstigten Blicken sah sie ihren Verfolger an, in seiner Wand war ein Dolch, der auf sie gerichtet war. „Sorry.“ Tyler schmetterte den Dolch mit voller Wucht in die Richtung des wehrlosen Mädchens, direkt in die linke Brust, wodurch sie das Gleichgewicht verlor und über das kleine Geländer stürzte. Tyler rannte zum Geländer und blickte hinunter, während sie ihm rasanten Tempo das 15 Meter hohe Hochhaus hinunterstürzte. Noch bevor die Cheerleaderin auf den harten Zementboden preschte, fing sie an zu brennen und war kurz darauf nur noch dunkle Asche, die durch den Wind in der Luft hin und her gewirbelt wurde.
Toll gemacht, Tyler. Ganz toll.“ Verärgert brummelte Tyler vor sich hin und lief hastig das Treppenhaus hinunter. Er musste den Dolch - ein ganz besonderes Unikat - wieder zu sich nehmen, den er von Klotho bekommen hatte, um im Kampf gegen die Dämonen noch besser gerüstet zu sein. Unten angekommen, wartete Klotho bereits auf den Anwalt und hatte den Dolch in der Hand. „Nächstes Mal solltest du nicht so leichtsinnig handeln. Erstens hättest du eventuell den Dolch verlieren können und zweitens hast du die Chance vertan, Informationen über den Unbekannten zu bekommen.
Tyler verdrehte die Augen. Er sah es ein, dass sie recht hatte, aber womöglich hätte der Vampir im Körper des Cheerleaders sowieso nichts preisgeben – Genauso wie die anderen Dämonen, gegen die er in den letzten Wochen gekämpft hatte. Jeder wusste anscheinend nichts über einen Unbekannten und ließ sich lieber zurück in die Hölle befördern, als etwas herauszuspucken. „
So geht das nicht weiter“, merkte Tyler an, nachdem er den Dolch wieder in seine innere Jackentasche verstaut hatte und in die Richtung seines Wagens lief.

Was haben Artemis und Apollon gefunden? Haben die Propheten nichts, was uns weiterhelfen könnte?“ Klotho wartete mit der Antwort und stieg zunächst in das Auto ein. „Leider nicht. Wenn ich nur wüsste, wie wir in die Träume meiner Schwestern gelangen könnten – Das wäre zumindest ein Anfang.“ Sie sah geknickt aus und ließ traurig den Kopf hängen. Tyler, der seit Wochen versuchte ihre Schwestern aus dem tiefen Schlaf zu erwecken, legte mitfühlend die Hand auf ihre Schulter. „Das wird schon wieder, glaube mir. Wir haben schon Schlimmeres überstanden.“ Ein erzwungenes Lächeln, zeichnete sich im Gesicht der Göttin, die froh war, wenigstens Tyler an ihrer Seite zu haben. Auf die hundertprozentige Unterstützung der Zwillinge und den Propheten konnte Klotho sich nicht verlassen, da sie immer das Gefühl hatte, dass sie etwas vor ihr Verschwiegen und nicht die volle Wahrheit preisgaben. Wenigstens waren ihre Schwestern im Kingsboro Psychiatric Zentrum vor den Dämonen sicher und werden künstlich am Leben gehalten. Andernfalls würden die Körper verfaulen und in sich fallen und somit müssten die Göttinnen neue Menschenhüllen finden – was nicht einfach war, da nicht jeder Mensch für das Übernatürliche für einen unbestimmten Zeitraum geeignet war.

Soll ich dich heimfahren?“, fragte Tyler nachdem er seinen Mazda RX-8 gestartet hatte und langsam los fuhr. „Fahre du nur nach Hause. Ich besuche mal Artemis und die Anderen. Vielleicht wissen sie bereits mehr.“ Tyler nickte einvernehmlich. Danach löste sich Klotho in einem grellen Licht auf und hörte nicht, wie das Handy von Tyler klingelte. Der Anwalt schaltete in einen niedrigeren Gang und klemmte gleichzeitig das Handy zwischen dem Ohr und der Schulter. „Ja, hallo?
Hallo Schatz, könntest du bevor du heimfährst, einen Abstecher in die Mall machen? Lil D braucht wieder mal neue Windeln.“ Ava klang gestresst, denn der kleine Dwight stand kurz bevor, einen Zahn zu bekommen. Von daher war er in den letzten Tagen ziemlich unruhig gewesen und war nur schwer zu beruhigen. „Ich hab’s mir hinter die Ohren geschrieben. Brauchst du noch etwas?
Ein Dutzend Kopfschmerztabletten, wenn es so weiter geht. Ich habe schon meine Mutter angerufen und gefragt, wann der Kleine sich wieder beruhigt.“ Im Hintergrund war außerdem Violet zu hören, die versuchte, das Baby ruhig zu stellen. „Ich muss jetzt wieder auflegen, weil Violet ansonsten ausrastet. Lieb dich.
Tyler klappte sein Handy zusammen und legte es auf den Beifahrersitz. Er musste Schmunzeln, weil er das Gesicht von Ava vor Augen hatte, wie sie verzweifelt versuchte, Klein-Dwight zu beruhigen und dabei im Haus von Zimmer zu Zimmer spazierte – Herrlich. Einfach herrlich.

- NYPD Präsidum –

Vor dem Präsidium warteten schon die Reporter mit ihren Notizblöcken und den vielen Kameramännern auf Trevor. Sie wollten von ihm eine Stellungnahme, doch dieser wies jeden ab. Mitten unter den ganzen aufdringlichen Reportern stand Claire Nolan ganz vorne um ihn vor allen anderen mit Fragen zu löchern. „Finden Sie es unfair, dass Sie suspendiert wurden? Haben Sie mittlerweile Neuigkeiten über Andreas Burks finden können?“ Doch Trevor ließ alle Fragen offen und so lief er zügig an ihnen vorbei. Dicht gefolgt von Carmen, die dann vor ihrem Auto stehen blieb. „Halt die Ohren steif, okay?“ Trevor drehte sich um und umarmte Carmen wehmütig, die dem Tränen nahestand. „Zeig der Neuen, dass du ein taffes Mädchen bist und bevor ich es vergesse, du kannst mich jeder Zeit anrufen. Ich habe ja nun gezwungenermaßen mehr Zeit und falls du und Tyler Hilfe bezüglich der Anderen Sache braucht, gebt mir einfach bescheid.“ Er strich ihr liebevoll über den Kopf und wandte sich danach von ihr ab. Mit Tränen in den Augen stieg sie in ihren Wagen ein und holte darin tief Luft. Sie sah ihm hinterher und winkte ihm nach, als er seinen weißen Mercedes SLK startete und davon düste.

Er blickte in den Rückspiegel und sah, wie Carmen nur noch mehr weinte, und ihr Gesicht hinter ihren Händen versteckte. Auch ihm tat das alles wahnsinnig leid, doch was konnte er dagegen machen? Nichts. Beide hatten sich an die Anwesenheit des Anderen gewöhnt und für beide war es schwer, die Veränderung zu akzeptieren.

.: Bei den Carrendoors :.

Hallo ich bin zu Hause“, rief Tyler in den Flur hinein. Er zog seine Schuhe aus, stellte die Windeln neben der Kommode hin und legte seine Jacke ab. Als er im vorbeigehen die kleine Schürfwunde auf der Stirn sah, die er durch den Kampf mit der Cheerleaderin bekommen hatte, griff er auf der Kommode nach einem Taschentuch und tupfte die Wunde etwas ab. „Das müsste langen.“ Danach lief er in die Küche und schmiss das benutzte Taschentuch in den Mülleimer. Wie immer duftete es in der Küche unheimlich gut. ‚Was es wohl zu essen gibt?‘ Tyler hob leicht den Topdeckel und spähte hinein. Spagetti Bolognese – Lecker! „Im Wohnzimmer ist der Tisch gedeckt. Wir können heute nach langer Zeit mal wieder gemeinsam Abendessen. Ist das nicht schön?“ Ava war aus ihrem Zimmer gekommen und lehnte sich - leicht erschöpft - gegen den Türrahmen. Tyler lief nach der Aussage seiner Frau zu ihr hin und drückte sie an sich. Gleichzeitig gab er ihr einen liebevollen Begrüßungskuss. „Guten Abend. Ja es ist toll, gemeinsam essen zu können. Schläft Klein-Dwight?
Sie nickte erleichtert. Im Hintergrund ging die Wohnungstür auf. Dwight kam von seiner Arbeit als Aushilfskraft in einer Tankstelle, zurück. „
Hallo zusammen!“ Der Anwalt sah an seiner Frau durch und erkannte die selben Züge, die selben Gesten, die auch er gerade getan hatte, als er nach Hause kam. ‚Wie er mir ähnelt‘, dachte Tyler während er sein Mund zu einem Grinsen zog. Als sein zukünftiger Sohn noch fragte, was es denn zu Essen geben würde, konnte er sich nicht mehr halten und fing an zu Lachen. „Dwight, ich merke, dass du mein Blut in dir trägst. Du kommst nach deinem Vater.“ „Unheimlich, nicht wahr?“, scherzte Dwight und gab seiner Mutter einen Kuss. „Ich würde nun vorschlagen, dass ihr großen Männer ins Wohnzimmer geht. Und sagt Violet, dass sie den Fernseher etwas leiser stellen soll, wenn sie weiterhin möchte, dass ihr kleiner Bruder schläft.

Tyler und Dwight liefen in das Wohnzimmer und ließen sich am Esstisch nieder. Violet schaltete den Fernseher aus und nahm neben Dwight platz. „
Wie war die Arbeit?“ Violet sah zunächst ihren Vater an und danach ihren großen Bruder. „Wie immer“, ertönte es gleichzeitig. „Nichts besonderes.
Sehr gesprächig, die Herren.“ Violet stand danach wieder auf und lief in die Küche um ihrer Mutter zu helfen. Doch als sie auf halber Strecke entgegen kam, hatte sich ihr gutgemeinter Gedanke erledigt.

Lasst es euch schmecken.“ Dwight schöpfte auf jeden Teller die langen Spagetti, für Tyler und ihm ein bisschen mehr als bei Violet und seiner Mutter, während Violet die Tomatensoße verteilte. „Einen guten Appetit wünsche ich euch“, warf Tyler in die Runde und hatte kurz darauf schon den ersten Happen im Mund. „Wahnsinn, Schatz. Kannst du mir noch ein bisschen Parmesankäse geben?“ Avas Augen glänzten förmlich, da es ein ungewohnter Anblick war, die ganze Familie so beisammen zu haben und gemütlich zu Abend speisten – naja fast, denn der kleine Dwight schlief ja, aber trotzdem würde sie ihn durch den weißen Babyfon hören, falls er aufwachen würde. Hin und wieder stand sie kurz auf und schaute trotzdem nach dem Kleinen, weil sie sich nicht ganz auf den Funkmelder verlassen konnte. Kontrolle war immer besser als das blinde Vertrauen. Tyler schlürfte die letzten Nudeln von seinen Teller und rieb sich danach gesättigt den Bauch. Gerade als er erneut betonen wollte, wie fein alles geschmeckt hatte, raschelte es aus den Babyfon. Die Kleinfamilie zogen kritische Gesichtszüge. Dwight stand sofort auf und eilte in das Zimmer, während die anderen gespannt warteten, was er zu berichten hatte. Sie spitzten ihre Ohren und waren bereit, sofort aufzustehen, wenn irgendetwas vorgefallen war. Eigentlich dürften keine ungebeten Gäste im Zimmer sein, denn Tyler und die Götter hatten nach dem letzten Vorfall alle Zimmer vor Dämonen geschützt.

Ihm geht es gut“, informierte Dwight die anderen und setzte sich wieder hin. „Er schläft nach wie vor tief und fest.“ Ein Glück war nichts mit dem Baby, aber Tyler wusste nicht so recht, ob er nach dieser Erkenntnis die Unruhe, die in ihn brodelte, abstellen sollte. Seine Befürchtungen bestätigten sich kurz darauf, denn hinter Dwight erschienen Apollon und Artemis, die niemals mit guten Nachrichten zu ihm kamen – zumindest war es in den vergangen Wochen so.
Thanatos ist dabei, aus dem Totenreich empor zu steigen.“ Die Verkündung der Göttin ließ Tyler die Nackenhaare zu Berge stehen. Auch Dwight schien sichtlich eingeschüchtert zu sein. Er wusste, dass er damals für die verzögerte Wiedergeburt des Sensenmannes verantwortlich war und befürchtete ein großes Dorn im Auge von Thanatos zu sein. Wäre Dwight nicht gewesen, hätte der Tod schon längst sein Unwesen in Brooklyn getrieben und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Es war also abzusehen, dass er noch eine offene Rechnung mit dem aus der Zukunft kommenden Dwight hatte – ganz abgesehen davon, dass er sein Pakt nicht eingehalten hatte und von Tyler aus der Hölle gerettet wurde.
Wir müssen zu Jonathan Avens.“ Apollon sah Tyler intensiv an, der wie angewurzelt auf seinen Stuhl saß und kein Laut von sich gab. „Thanatos wurde in Jonathan Avens geboren und daher ist es naheliegend, dass er ein zweites Mal in dessen Körper wiedergeboren wird. Wir müssen das verhindern!“ In dem Moment ertönte das Weinen von Lil D aus dem Babyfon und unterbrach die unangenehme Situation. Ava stand sofort auf und lief zügig ins Zimmer. „Und wie sollen wir vorgehen?“, fragte Tyler nachdem er sich wieder gefasst hatte. „Wir müssen vor den Dämonen bei Jonathan sein.
Und was ist mit Atropos und ihren Schwestern? Wer kümmert sich um sie?“ Nun meldete sich Violet zu Wort. „Ich werde mit Klotho einen Weg finden, ihre Schwestern zu helfen. Gehe du mit den Zwillingen mit.
Und was mache ich?“, wollte Dwight wissen.
Du beschützt Mum“, erwiderte Violet und bekam ein zustimmendes Nicken von Tyler.
Gut dann würde ich sagen, dass wir uns sofort auf den Weg nach Santa Monica machen.“ Artemis wollte sofort los, doch Tyler bremste ihr überaus eifriges Engagement. „Sollte ich Jonathan nicht vorwarnen, dass ich komme? Ich will nicht mit der Tür ins Haus fallen, so wie ihr das immer macht.“
Artemis, rollte ungeduldig ihre Augen. „
Wenn du meinst… Beeil dich. Jede Minute ist kostbar.“…

.: In Carmen’s Apartment :.

Erschöpft ließ sich Carmen in ihr Bett fallen, gab einen Seufzer von sich der nur so nach Abschalten schrie, und schloss für eine Zeitlang die Augen. Sie war wirklich geschafft und ausgelaugt von dem heutigen Tag, definitiv. Im Verlauf ihrer Ruhephase – sie hatte diese in letzter Zeit des Öfteren gebraucht – hörte sie unter dem Bett, etwas hin und her schleifen. Blitzschnell riss sie ihre Augen wieder auf und horchte genauer hin. Sie drückte ihr Ohr gegen die Matratze und wollte wissen, ob dieses Geräusch nun wegen eines ungebetenen Haustieres, einer kleinen Maus war oder ob irgendetwas nicht mit rechten Dingen vor sich ging. Irgendetwas schleifte am Boden und sie musste nachsehen, denn dieses Geräusch, wurde immer lauter. Sie griff nach ihrer Waffe, die sie auf den kleinen Nachtisch gelegt hatte, und schaute behutsam unter ihr Bett. Etwas verdutzt verzog sie ihr Gesicht, denn das Buch, welches sie von Melody Candies (Episode 14) bekommen hatte, weil sie damals Ethan wieder zurückholen wollte, bewegte sich von selbst hin und her. Es schien als würde es leben und Carmens Aufmerksamkeit gewinnen wollen. Sie kletterte aus dem Bett und griff nach dem Buch. Kaum hatte sie es in der Hand, wurden die Fenster durch einen starken Wind aufgeschlagen. Dabei erschrak sich Carmen und ließ das Buch zu Boden fallen. Sie hob es auf und entnahm die Überschrift der aufgeschlagenen Seite: „Efgenia“ Danach ließ sie interessiert weiter.

~ Efgenia ~

Efgenia, geboren im 10. Jahrhundert vor Christus, war die Tochter des Schreiners Marios - wurde der Hexerei verdächtigt - weshalb sie später von ihrem eigenen Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Die Leidenschaft alles über das Übernatürliche zu sammeln, motivierte sie, ihr Wissen und gesammelte Informationen über die schwarze Magie, die Mythen der griechischen Geschichte und sonstige Wesen in einem Buch festzuhalten. In ihrem Buch, das mit braunen Leder gebunden wurde, beschrieb sie die Dämonen und Kreaturen und wie man sie herbeirufen oder vernichten konnte. Sie hatte nicht wirklich gewusst, ob die Mythen der Wahrheit entsprachen, aber sie wollte im Falle eines Angriffes bewaffnet und vorbereitet sein. Aber auch die unzähligen Götter der verschiedenen Ränge wurden in ihrem Buch verewigt. Nach einem Jahr des fleißigen Schreibens war das Buch schon richtig dick und umfangreich geworden, was natürlich in ihrem kleinen Dorf für mächtigen Gesprächsstoff sorgte. So wurde lautstark getuschelt, dass sie von einem Dämon besessen oder sogar selbst eine böse Hexe war.
Ihr Vater bekam von den Gerüchten mit und stellte sie zur Rede. Als sie jedoch felsenfest darauf beharrte keine Hexe zu sein, sollte sie zum Beweis das Buch verbrennen. Mittlerweile war das Buch in ihren Augen so wertvoll geworden, dass sie es nicht übers Herz brachte, ihre ganze Arbeit zu vernichten. In ihrer Trauer versuchte sie das Gegenteil zu beweisen und fing an, über Hexen und Magier zu schreiben. Ab dem Zeitpunkt war sie auch ein Dorn im Auge vieler Hexen, weil diese befürchteten, dass die schwarze Magie nicht mehr unentdeckt blieb und sie ein Opfer ihrer eigenen Kräfte werden könnten. Und so war es, dass eine Waldhexe ihren Vater verzauberte und ihn davon überzeugte, seine Tochter verbrennen zu müssen um sie von ihrer schwarzen Seele zu befreien. Gestärkt von den immer beunruhigten Bewohnern, zerrte Marios mitten in der Nacht seine eigene Tochter auf den Hof, wo die Bewohner ein Scheiterhaufen vorbereitet hatte und er sie an einem gefällten Baumstamm festband. Immer wieder wurde sie als Teufelsbrut oder Hexe beschimpft, doch am meisten war sie von ihrem Vater entsetzt, weil er seine eigene Tochter zum Tode verurteilte.

Eine Fackel wurde in das Heu geworfen und fing gefährlich an zu brennen. Als die Flammen immer größer wurden und sich in Sekundenschnelle verbreiteten, erkannte sie erst zu spät, dass ihr Vater unter einen Zauber stand. Sie wollten helfen, aber das ging nicht, weil das Feuer mittlerweile zu ihr vorgedrungen war und unbarmherzig alles in sich schlang, was in ihrer Nähe war. Sie schrie qualvoll und aus vollem Leibe, versuchte die unerträglichen Verbrennungen an ihren Körper zu ignorieren, was allerdings ihr nicht gelang. Die Menschen um sie herum verschlimmerten alles, denn sie ergötzten sich an dem Anblick, in der Einbildung, das richtige zu tun.
Efgenia verbrannte letztendlich qualvoll und eigentlich sollte das Buch ebenfalls verbrannt werden, was jedoch nicht geschah, weil ihre 9-jährige Schwester, das Buch unter ihrem Bett versteckte und stattdessen ein ähnlich aussehendes Buch in die Flammen warf. Das Buch lebte also weiter. Die Asche schwebte wie von Geisterhand in das Zimmer des kleinen Mädchens und landete unter dem Bett, wo auch das Buch war. Ein Windstoß öffnete das Buch und blätterte auf eine Seite, worauf noch nichts geschrieben wurde. Die Asche bildete ein Text, der das Buch in dieser Minute zu etwas besonderem machte, weil durch diese Zeilen nur bestimmte Personen das geschriebene Lesen konnten.

Jeder weibliche Blutsverwandte, die nach mir Geboren werden und die selben Interessen meines Glaubens haben, sollen das Buch lesen und anwenden können. Sie soll als Schutz vor dem Bösen sein und nur mit einer der Blutsverwandten vollständig einzusehen sein. Jedoch ist der Missbrauch dieses magische Buch nicht ausgeschlossen. Für alles Übernatürliche soll das Buch leer und nutzlos sein und nur durch die Kenntnis, dass solch ein magisches Buch existiert, weiterleben.

Nach diesen Seiten wurde Carmen klar, dass sie mit Efgenia verwandt sein musste. Ansonsten hätte sie das Buch nicht entschlüsseln können. Ihr leuchtete ein, weshalb sie für Hades so wertvoll war und wieso die Vampire (Episode 9) damals vor der Universität sie nicht angegriffen hatten. „
Das heißt ja, dass Melody Candis mit mir verwandt ist“, murmelte Carmen vor sich hin und setzte sich auf das Bett und ließ interessiert in dem Buch weiter. „Es muss ein Grund geben, weshalb ich erst jetzt auf den Ursprung und die Entstehung dieses Buches stoße. Aber welcher bloß?“…

Fortsetzung: 18.2. Schlaf, Göttin schlaf