14 | Der Gefallene Krieger

14.4. Die Erkenntnis (Teil 2)

.: Brooklyn, Kings Country Hospital :.

Violet kam mit einer Mineralwasserflasche und einem Glas in das Krankenhauszimmer hinein. Das Zimmer war sehr steril und schlicht und die Wände waren in einem kalten weiß gestrichen. Lediglich das kleine Gemälde über dem Bett und der Blumenstrauß in der Vase, welches auf dem Tisch neben dem Bett stand, brachte ein bisschen Farbe in das Zimmer. „Wie geht es ihr?“, fragte Violet und schenkte das Getränk in das Glas ein. „Ihr Zustand hat sich wieder verbessert, aber dennoch ist sie nach wie vor nicht ansprechbar, obwohl man meinen könnte, dass sie uns gerade zuhört.“ Violet setzte sich auf den freien Stuhl, neben dem Bett und schaute Hope besorgt an. Ihre Augen waren zur Decke gerichtet, der Körper total steif und ohne jegliche Reaktion. An ihrem Arm war ein dünner Schlauch, der dafür sorgte, dass sie künstlich ernährt wurde. Hope war in einem Wachkoma und somit gefangen im eigenen Körper. Niemand wusste ob sie die Besucher, Freunde und Ärzte wahrnehmen konnte oder ob sie jegliche Geschehnisse um sie herum mitbekommen hatte.

Ava legte sanft ihre Hand auf Hopes Wange und hoffte, dass ihre Freundin bald wieder gesund sein würde. Sie musste eingestehen, dass ihre Freundschaft nicht mehr so war, wie vor Hopes Umzug nach Los Angeles im Jahr 2002. Wenn Hope den Wachkoma überstehen würde, wollte Ava die Freundschaft wieder neu aufbauen. Sie wollte sich mehr Zeit für sie nehmen, aber dennoch ihre Familie nicht vernachlässigen.

Es klopfte an der Tür und kurz darauf, wurde sie von Dwight geöffnet. Tyler war ebenfalls dabei und begrüßte die beiden mit einem leisen - Hallo. „Du siehst ja schlimm aus“, sagte Ava zu ihrem Mann und zeigte auf die leichten Schrammen im Gesicht und die blutige Hose. „Alles halb so wild, denn Hekate hat mich schon verarztet Wir haben Carmen retten können und eigentlich müsste sie längst im Krankenhaus sein."

Ist was mit ihr passiert?“ Violet stand wieder von ihrem Stuhl auf und lief zu ihrem Bruder. „Geht es ihr Gut?

Ihr geht es gut, aber wahrscheinlich hat Hades ihren Arm gebrochen“, entgegnete Tyler ihr und schielte kurz zu Hope. „Weiß man schon, wann Hope wieder vollständig zu sich kommt?
Traurig schüttelte Ava den Kopf. „
Nein, aber vor einer Stunde ging es ihr noch schlechter und jetzt ist ihr Zustand zu m Glück wieder etwas besser.“…

***

Carmens Arm wurde in der Notfallstation geröntgt um festzustellen, ob sie ihren Arm verstaucht oder gebrochen hatte. Sie tippte auf letzteres, was nach den Aufnahmen auch bestätigt wurde. Nachdem sie einen Gips bekommen hatte und von dem Arzt vorgeschrieben bekam, alle zwei Wochen wiederzukommen, lief sie aus dem Behandlungszimmer hinaus um im Wartezimmer Trevor abzuholen. Dieser hatte geduldig im Zimmer gewartet, doch als sie zu ihm kam, telefonierte er gerade. „... Ja in der Gasse in einer Garage.

Trevor schien etwas verärgert zu sein, denn er hatte während des Telefonats eine strenge Miene gezogen. „Schickt eine Streifenwache mit den Tatortermittlern dort hin und unternehmt nichts, bis ich dort aufkreuze“ Nach diesen Worten klappte er sein mobiles Telefon zusammen und steckte sie wieder in die kleine Handytasche die am Gürtel befestigt war.

Wie geht es dir?“, wollte Trevor wissen, nachdem er sich zu ihr gewandt hatte. Carmen deutete auf ihren Arm und zog unschuldig die Schulter zusammen. „In nächster Zeit werde ich wohl den Telefondienst machen müssen.“ Ein müdes Lächeln konnte sich Trevor nicht verkneifen, denn er wusste, wie langweilig es war, ständig am Telefon hängen zu müssen. „Ich habe die eine Streifenwache zusammen mit einigen Tatortermittlern in die 650 Bergen Street geschickt. Sie sollen die Frauenleichen sicher verwahren und den Tatort absichern.

Carmen öffnete besorgt ihren Mund, da sie fragen wollte, ob er seine Kollegen über die Dämonensache aufgeklärt hatte. Die Frage erübrigte sich jedoch, als er weitersprach. „Ich habe ihnen mitgeteilt, dass wir dort keine verdächtigen Personen entdecken konnten und nur du als einzige Überlebende gerettet werden konntest. Jeff und Tom können sich ja an nichts erinnern, weshalb dieses Erlebnis unter uns bleibt.“

.: Los Angels :.

Nachdem Hope zu der Erkenntnis kam, dass sie in ihrer eigenen früheren Wohnung war, verschwanden nach und nach die Möbel, Gegenstände und alle Dinge, die ihre Wohnung so einladend gemacht hatte. Übrig blieb nur noch ein leer geräumter Raum im Dunkeln, die nur durch die grellen Lichter von draußen die Sicht etwas erleichterte.

Du bist gerade in einer Zwischenwelt.“ Lee trat noch näher zu Hope, um ihr weiterhin in die Augen sehen zu können. „Das ist alles nicht real.

Hope schüttelte unbegreiflich den Kopf, da sie ihm nicht glauben wollte. Sie stammelte vor sich hin und wirkte aufgelöst und hilflos. „Das kann doch nicht möglich sein. Ich bin in den Flieger eingestiegen um nach Los Angeles zu fahren, da ich Landons letzter Wunsch erfüllen wollte.“ „Weißt du denn überhaupt, was er sich als letztes von dir gewünscht hat?“, fragte Lee mit ruhiger und einfühlsamer Stimme. Hope strengte ihren Kopf an und wollte Landons genauen Worte wiedergeben, was ihr leider nicht gelang. Egal wie sehr sie sich bemühte, die genauen Sätze wiederzugeben, es fiel ihr einfach nicht mehr ein.

Mit angespanntem Körper stand sie da und kniff ihre Augen zusammen. „Ich habe es doch noch die ganze Zeit gewusst, wieso fällt es mir nicht mehr ein? Verdammt, dass kann doch nicht möglich sein!“ Um sie zu beruhigen, nahm er sie in seine Arme und drückte sie mitfühlend. „Alles was du gemeint, in Los Angeles erlebt zu haben, war nur eine Einbildung deiner aufgewühlten Gefühle, auch wenn alles auf das eine hinaus laufen sollte. Du hast die Personen, die dir begegnet sind nicht wahrnehmen können, obwohl sie dir alle eigentlich nicht fremd waren.

Hope verstand nicht sofort, was er damit gemeint hatte, aber nach und nach, musste sie einsehen, dass er in jedem Punkt recht hatte. „Die Stewardess im Flugzeug war deine ehemalige Freundin, Diana White, die 2006 an einen unerwarteten Schlaganfall ums Leben gekommen war. Und der Taxifahrer war dein damaliger Mandant, Philipp Mirren, der sich kurz nachdem er freigesprochen wurde, selbst das Leben nahm, weil seine Familie sich völlig von ihm abgewendet hatte.

Hope fand das ganze zu verrückt und unglaubwürdig? Alles war doch so real und nun sollte alles bloß Hirngespinste sein? „Und was ist mit dir Lee, bist du etwa auch nur eine Einbildung?
Lee ließ Hope los und ging einige Schritte zurück. Er versuchte ein Lächeln zu ziehen. „
Bevor ich nach Los Angeles zurückkehren konnte, um mein Traumberuf des Immobilienmaklers nachzugehen, verstarb ich jedoch noch im Einsatzgebiet in Bagdad. Unglücklicherweise bin ich bei einem feindlichen Gegenangriff in eine Tretmiene getreten. Ich weiß nicht wie ich gestorben bin, aber ich weiß, dass ich keine allzu große Schmerzen hatte.

Tränen schossen in ihre Augen, weil Lees Schicksal sie richtig berührt und traurig gemacht hatte. Wie unfair konnte das Leben bloß sein, einem jungen Mann das Leben zu nehmen, der eigentlich kein Soldat sein wollte, sondern ein Immobilienmakler. „Lee es tut mir so wahnsinnig leid für dich“, fing Hope an und wischte sich die Tränen aus ihrem Gesicht. „Wenn ich euch sehen kann, heißt es dann, dass ich selbst gestorben bin?

Nach einem kurzen zögern schüttelte er den Kopf. „Noch nicht, aber wir alle wurden von einer bestimmtem Person geschickt um dies zu verhindern.“ Kurz nachdem Lee das gesagt hatte, spürte sie ein vertrautes und warmes Gefühl in ihrem Körper. Der Duft eines bestimmtes Parfüm, dass eigentlich völlig schlicht und war, drang bis zu ihrer Nase hervor - Ein frischer und sportlicher Duft. Sie hoffte genau die Person anzutreffen, die sie vermutete und drehte sich hoffnungsvoll um.

Doch als sie die Person tatsächlich gesehen hatte, blieb sie überwältigt stehen und zitterte vor Aufregung am ganzen Körper – Sie konnte Landon sehen. Landon, den sie über alles geliebt und ihr das Herz gebrochen hatte. Die Gefühle, die in Hope hervorstachen konnte sie kaum in Worte fassen, da Freude, Aufregung, Trauer und Schmerz zur selben Zeit spürbar waren. „Hope“, hauchte er leise und drückte seine Freundin ganz fest an sich. Tränen flossen ununterbrochen über ihre Wangen und durchnässte Landons dunkelblaue Anzugsjacke, was in diesem Moment keine große Rolle gespielt hatte, weil er einfach nur froh war, sie endlich wiedersehen zu können. Sie war nur glücklich ihren Freund endlich wieder zu haben und in die Arme nehmen zu können - Alles andere war ihr egal.

Leg deine Schuldgefühle ab, denn du bist nicht schuld an meinem Tod. Ich wollte mit dir auf die Wiese vor dem Krankenhaus und niemand konnte wissen, dass nach unserem Gespräch mein Herz versagte. Meine Mutter hatte nur aus Verzweiflung einen Schuldigen gesucht und dich deshalb für meinen Tod verantwortlich gemacht. Ich bin mir sicher, dass sie sich gerne bei dir entschuldigen würde, aber du kennst sie ja. Sie springt nicht gerne über ihren eigenen Schatten.

Sanft, wischte er Hopes Tränen aus ihrem Gesicht und küsste sie liebevoll und zärtlich zugleich. „Weißt du noch, was mein letzter Wunsch war? Kannst du dich nun langsam an unserem Gespräch auf der Wiese erinnern?

Sie versuchte erneut, das Gespräch zwischen ihr und Landon aufzurufen. Erwartungsvoll sah er sie mit verliebten und hoffnungsvollen Augen an. Mit einem Male konnte sie sich an jedes einzelne Wort erinnern, was sie gesprochen hatten.  „
In unserem letzten Gespräch habe ich dich darum gebeten auch ohne mich glücklich zu werden. Mein Wunsch war es, das wenigstens einer von uns stark genug ist weiterzuleben, so dass zumindest einer von uns seine Wünsche und Träume realisieren kann. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo du dein Versprechen einlösen solltest.

Die schreckliche Wahrheit, weshalb sie alle Verstorbenen sehen konnte, drang langsam zu ihr hervor. Sie wusste nun, was Lee mit der Zwischenreise gemeint hatte und wieso sie die ganzen Erinnerungen in Bezug auf Landon wieder so hautnah miterleben konnte. Ihr war in Wirklichkeit etwas zugestoßen, weshalb sie um ihr eigenes Leben bangen musste. Deshalb hatte sie in ihrem Traum die Reise nach Los Angeles gemacht, denn sie wollte ihr Versprechen, welches sie Landon gegeben hatte einlösen und nach vier Wochen Koma, aufwachen um für ihn weiterleben zu können. Hope schmiss sich in seine Arme und drückte ihn ganz fest zu sich. „Bleib am Leben, tu es für uns und kämpfe gegen den Tod an“, flüsterte Landon mit gläsernen Augen. Langsam löste er sich von Hope und verschwand mit Lee in der Dunkelheit, so dass Hope ganz alleine im Zimmer war...

.: Epilog :.

… Vier Wochen zuvor …

Voller Zorn und Hass riss Molly Sailer die große Tür des Gerichtssaales auf. Sie hielt Ausschau nach Ethan, denn sie hatte noch eine Rechnung offen. Nach nur wenigen Sekunden entdeckte sie ihn, der gerade bei seinen Freunden Carmen, Ava, Tyer und Hope stand. Voller Entschlossenheit zog sie aus ihrer Tasche den schwarzen Revolver und zielte auf die fünf Personen. Ihr Ziel war es, Ethan einen gewaltigen Denkzettel zu verpassen, was sicherlich Molly Sailer auch getan hätte, wenn die Hexe Lilith nicht ihren Körper in Besitz genommen hätte. „Das ist für Alex Burks“, schrie sie und ließ zwei Schüsse frei.

Eine unkontrollierte Panik brach im Saal aus. Alle anwesenden duckten sich vor Schreck, da sie sich vor den Kugeln schützen wollten. Auch Terrence suchte Schutz unter einem Tisch. Er blickte zu Tyler und seinen Freunden hinüber und wunderte sich im ersten Moment, wieso die fünf wie angewurzelt da standen, während um sie herum das Chaos herrschte. Erst als er mehrere Blutspritzer in den Gesichtern von Carmen, Hope, Ava und Ethan sehen konnte, wusste er, dass einer oder womöglich mehrere von ihnen getroffen wurde. Ob Tyler derjenige war, konnte er nicht sehen, da dieser mit dem Rücken zu Terrence stand. Er zog sein Handy heraus und wählte den Notarzt. Auch wenn die beiden Rivalen waren, hasste er seinen ehemaligen Jahrgangskollegen nicht und wünschte ihm auf keinen Fall was Schlimmes.

Als die Polizisten sich wieder von ihrem ersten Schock erholt hatten, wollten sie wieder für Ordnung sorgen und überwältigten Molly Sailer indem sie die junge Frau auf den Boden und ihre Waffe aus der Hand schlugen. "Wir brauchen mehrere Notärzte und Sanitäter im New York State Supreme Court Building. Es sind Schüsse gefallen und es gibt höchstwahrscheinlich Verletzte." Detective Brand blickte zu Tyler, Ethan und den anderen. Entsetzt sprach er noch einmal in sein Funkgerät, "Beeilen Sie sich!"

Ethan verdrehte seine Augen und viel direkt in die Arme seines besten Freundes. Mit halbgeöffneten Augen sah er Tyler an, der nur völlig verstört auf ihn herab sehen konnte – Er stand unter Schockzustand und konnte sich in diesem Moment kaum rühren. Aber nicht nur Ethan hatte die Kugel getroffen, sondern auch eine weitere Person. Die zweite Kugel traf nämlich Hope direkt in den Unterleib, was sie jedoch erst Minuten später merkte, da der Schock über die unerwartete Schießerei und das viele Blut größer war als der Schmerz ihrer Wunden. Erst als die Wunde größer wurde und sich das Blut über ihren ganzen Bauch verteilt hatte, wurde ihr bewusst, dass auch eine Kugel abgekommen hatte.

Ava und Carmen brachen in Panik aus und schrien um Hilfe. „Das ist alles nur ein Traum, nicht wahr? Ava sag mir bitte, dass ich nicht gerade angeschossen wurde“, hustete Hope und drehte sich zu Tyler, der Ethan im Arm hatte und mit der Situation völlig überfordert war. Er rüttelte verzweifelt an Ethans Armen. Mit aller letzter Kraft, sprach Ethan noch einmal zu Tyler: "Werde du die Veränderung, die du dir für die Welt wünscht." Danach schloss er seine Augen und öffnete sie zu Tylers entsetzen nicht mehr wieder. Sie blieben geschlossen - für immer geschlossen...

Hope konnte vor Schmerzen ihre Beine nicht mehr spüren - Ihr Körper war richtig kalt geworden und sie hatte immer mehr Probleme, ihre Augen geöffnet zu halten um ihre besorgten Freundinnen Ava und Carmen nicht aus den Augen zu verlieren. Doch auf einmal waren die beiden nicht mehr zu sehen. Stattdessen wurde alles schwarz vor Augen, wodurch sie immer mehr in Panik geriet. Sie hatte in der völligen Dunkelheit fast den kleinen weißen Punkt in der Mitte übersehen, was so hell aufgeleuchtet hatte. Als sie versuchte, nachdem Punkt zu greifen, wurde der Punkt immer heller, weshalb sie ihre Augen verschloss und erst wieder öffnete, als das Grelle langsam nachließ. Auf unerklärlicherweise stand Hope unerwartet vor dem New Yorker Flughafen und hatte ein Ticket nach Los Angeles in der Hand...

...Ende der Episode